milena kunz bijno

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Milena Kunz Bijno | Löwenburgstraße 37 | 53604 Bad Honnef / Rhöndorf | Tel 02224 - 73949 | EMail milenakunzbijno(at)yahoo.de

„Bilder einer Lebensreise“

Ausstellung im Haus an der Redoute, Freitag 15. September 2017











Milena erteilte mir den Einführungsauftrag mit der Begründung: „Du kennst mich ja am besten“. Das, was mir innerhalb von rund 20 Jahren ins Auge gesprungen ist, möchte ich vorausschicken; zumal diese aussagekräftige Retrospektive insgeheim der Introitus, das Gloria oder Credo eines biographischen Hochfestes anstimmt, scheint es erlaubt, persönliche Beobachtungen mit kunstbeflissen Deutungen zu koppeln.

Milena ist nicht nur eine mehrgleisig agierende Künstlerin, vielmehr eine unikatäre Persönlichkeit, eine transkulturelle Pionierin. Als ob sie gerade ihren 25. Lenz gefeiert hätte, packt Abenteuerin Milena nach dem Motto: „Meine Seele ist ein Seefahrer“ alljährlich im Winter ihre sieben Sachen um sich nach Indien zum Aschram aufzumachen, spartanisch zu leben und psychisch, spirituell aufzuleben. Immer wenn Sie nach Wochen zurückkehrt in ihre wohl originellste, historische, verschachtelte und verwinkelte Künstlerklause in Rhöndorf fällt ihr eine hierzulande verbreitete Kurzsichtigkeit, Verstocktheit, Engstirnigkeit, Engherzigkeit, eine Kälte und Abgebrühtheit, Stumpfheit der Sinne, ein gewisses Maß an Oberflächlichkeit und Materialversessenheit in den Blick.

Neben Indienexkursionen sind es ihre kontinuierlichen Reisen nach Italien, die ihr umtriebiges, kosmopolitisches Unterwegssein verraten. Kürzlich bewältigte sie als Autorin ihrer italienischen, in die Form einer Briefwechsel-Debatte getauchte Publikation „ Und wenn es den lieben Gott doch gibt?“ eine Lesungstour durch die Heimat.

Nicht zuletzt ist es das brachiale Konvolut von 27 Umzügen (9 Länder), die Milena, Ehegattin des Diplomaten Gerhard Kunz, zum Phänomen, zur agilen Investigatorin küren. Der 28. Umzug ist im Grunde die Monumental-Installation: „Bilder einer Lebensreise“; nur entfernt erahnt man das massive Aufgebot an vorausgegangenen Investitionen und Vorbereitungsdetails.   

All diese Dauerkonfrontationen mit kontroversen Kulturen, Weltanschauungen, Daseinsschwerpunkten, sich laufend erneuernde Entdeckungen, Erfahrungen, Erlebnissen fließen ein in ihre von Vitalität, Esprit und Charme gespeiste, oft kompromittierende, aber auch spielerisch verschlagene sowie tiefgründige Arbeits- und Gedankenwelt ein. „Ich möchte zum Denken animieren“, so die Kerndevise.

Was sich hier den Blicken bietet, ist im Grunde ein intriganter, barocker Komplott von Dichtung und biographischer Wahrheit, „der Versuch, ein Leben zu packen“. Zur Vertiefung lockt eine, von ausgesuchten Texten begleitete Odyssee, die von der Lagunenstadt, den franziskanischen Sonnengesang, Engelsgestalten, der Welt des Theaters ausgehend, weiterführt zu komplexen Auseinandersetzungen mit Spiritualität, Metaphysik, Innen- oder Seelenleben schlechthin, Halt macht in Indien und ihren Ausklang bestreitet mit dem abermaligen Eintauchen in mythologische Pfründe, Literatur (Faust, Kipling), Poesie, Poetik und Musik (Beethoven), Aktskizzen und nicht zuletzt mit einer versponnenen Inszenierung („Das Leben einpacken“) des autobiografischen Leitmotivs Umzug.   

Die Antithese zum Unterwegssein, zur Wanderung, Pilgerschaft, zum Nomadendasein oder zum Reisetopos lautet: „Malen ist der Ort geworden, wo sich die Erinnerungen auf der Suche nach einem Zuhause heraus kristallisieren“.  

Das künstlerische Pendant zum kontinuierlichen Aufbruch wiederum wird sichtbar in einer allenthalben offenkundigen, bezwingend überbordenden Gestaltungsphantasie, im stetigen Ringen um unverbrauchte Kompositionsmethoden, um eine konkurrenzlos persönliche Note.

So stoßen wir auf Gemälde, Stelen, Collagen, Material- oder Reliefbilder, zeichnerische Entwürfe, auf Objekte, Skulpturen oder auf plastische Stillleben, Paravents, Klappaltar, auf Assemblagen, Improvisationen, Arrangements, die antike Folianten, aus Ton geformte, patinierte Bücher, Schriftrollen, historischen Dokumente, Kleinkunstwerke und Antiquitäten, Raritäten wie ein Madonnen Skapulier beherbergen.

Im ersten Raum beschwören Gemälde, Collagen und Objekte das weitläufige Themenfeld Italien, Heimat der 1942 in Turin geborenen Künstlerin herauf. Im Fluidum von Tizian Rot erwachen die favorisierte Ära der Renaissance mit ihrer Affinität zur römischen Antike; eingesenkt in mystische Bläue erscheint die vergängliche und doch ewige Lagunenstadt, Sinnbild einer von Erotik gespeisten, „träumerischen Magie, der Sehnsucht und der Poesie einer langsam zerfallenden Schönheit“ (Essay: „Alchemie des Glücks“). Es triumphiert das hier angesiedelte, von Zerstörungen, Brandkatastrophen heimgesuchte und stets wiederauferstehende Theater „Fenice“ (Phönix). Das klassische, auch im Alltag manifeste Spiel mit Masken, Kostümierungen, Hüllen und Rollen, Posen genauso wie den Aspekt: multiple Persönlichkeit beschwören Auslotungen des venezianischen Karnevals und Dantes Comedia dell Arte herauf.  Kurswechsel zwischen Kaschierung und Offenbarung, Verhüllung und Entlarvung, Sein und Schein deuten sich an.

Eine andere Priorität absorbiert die Persönlichkeit Milenas: es ist die Reise nach innen, die Suche nach ungeschönter, radikaler Selbsterkenntnis, das Fahnden nach Wahrheit, Lebenssinn und Lebenssubstanz, nach „Freiheit“, „Schönheit“, „Wahrheit“, „Liebe“, Einklang, Erleuchtung, Stille, Friede oder das Hegen, Hüten, Befeuern, Aktivieren des „göttlichen Seelenfunkens“. Silberfunkeln, Goldglimmen, überhaupt lichtdurchdrungene, sakrosankte, transzendentale Indizien stehen im Zeichen der Erfahrung psychisch geistiger und übersinnlicher Dimensionen. Hiervon handelt der zweite Akt dieses Projektes. Dieses Werkensemble beruht auf intensiven Recherchen, Studien von unterschiedlichen Religionen und spirituellen Anschauungen. Ein tief verwurzeltes Interesse an Glaubensfragen wird spürbar. Einfluss nimmt darüber hinaus das in Bombay aufgenommene, vierjährige Studium der indischen Kunstgeschichte und Philosophie sowie die bereits erwähnte, fortgesetzte Aschram Einkehr. Das keineswegs esoterisch gefärbte, oft suggestiv metaphorische Bild-Ergebnis ist gleichsam eine synthetisierende, philosophische Version der Metaphysik oder Theodizee, wo das Herausfiltern spiritueller Parallelen, Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten zwischen den vier großen Weltreligionen greift. „Alle Religionen sind Teil derselben Wahrheit“ heißt es in einem Schrifttafelzitat. Auch die abstrakt thematisiere Dualität von Ying Yang, das Motiv, das hehre Ziel „Vollendung“, gegenwärtig in den Metaphern Kugel, Kreis spiegelt ein universales Prinzip.

Im Saal stößt man hingegen poetische, märchenhafte, teils meditativ angehauchte Diskurse über Indien, nachvollziehbar in Collagen, die etwa mit prachtvoll schimmernden Seidenstoffen, Pailletten, Perlen und anderer Zierrat, Ornamentik und authentischen Devotionalien ausgestattet sind. Von Purpur, Rubinrot, schimmernde, glimmende Goldnuancen, Kupfer zehren textile Konstruktionen, die kostbare Tapeten, Wandbehänge, Tempel-Vorhänge, Teppiche zu musterhaften Geweben zusammenschweißen.

Als Epilog ihrer „Lebensreise“ beschert Milena einen charmanten Abstecher ins Reich der Mythologie (Venus, Demeter, Persephone). Gedankenwitz, Humor, Sinnlichkeit und Sinnenfreude wohnt pastelligen Studien inne, die eine archaische Weisheit zuraunen: „Das Leben ist ein Traum“.

Text: Christina zu Mecklenburg, Bonn, September 2017



Flüchtlinge

Ausstellung im Rathaus Bad Honnef, 2015
















  Licht-Wege

Ausstellung im Johanniter Krankenhaus, Bonn

Vernissage: Donnerstag, 7. November 2013 – Einladungsflyer als PDF


Die anspruchsvollen Werkauszüge des Langzeitprojektes „Lichtwege“ von Milena Kunz Bijno entwickeln an diesem Schauplatz eine ganz eigene Aura: sie strahlen eine eindringliche Stille, eine in die Tiefe gehende Beschaulichkeit, konzentrierte Sensibilität und eine bezwingende Sinnlichkeit aus. Und um es gewagt kitschig zu formulieren, es geht von dieser, für den Ort geschaffenen Novitäten etwas Besänftigendes, Erbauliches und Kraftvolles aus. Es waltet da eine souveräne Poesie der Stille, eine Atmosphäre der Schlichtheit, die vielfach auf an sich kargen Strukturen und versiert eingesetzten, von suggestiver Leuchtkraft beseelten Farben beruht.

Es greift ein Konzept, das auf hervorragende Weise eine leise Konversation mit diesem Ort, dieser zur Hauskapelle führenden Station stimuliert.

Es sei für Sie schwieriger, anstrengender gewesen, sich von der Maltechnik, den Konventionen Alter Meister loszulösen als sich deren Kompositionsgeheimnisse zu erobern. So ein aktuelles Statement der Malerin, Zeichnerin, Objektkünstlerin und Autorin Milena Kunz-Bijno. In ihrem faszinierenden Panoptikum „Licht-Wege“ zeichnen sich einerseits Spuren traditioneller Malerei und andererseits eine eigensinnig freie Kultur der Malerei ab. So knüpft „Licht-Wege“ einerseits an die althergebrachten, klassisch zeitlosen Angelpunkte Farbe und Licht, Licht und Schatten an und ergründet gleichzeitig Möglichkeiten, die malerischen Konsequenzen des Spektrums Licht, - oder so der Titel einer Trilogie lautet: „Wege zum Licht“ in einer einzigartigen, unverkennbaren Bildsprache.

„Licht-Wege“ konfrontiert im folglich übertragenen Sinn mit Reflektion-Flächen, Gedankenwegen der Künstlerin. Dies geschieht hier vorrangig im Medium Collage, das Milena Kunz-Bijno als organisches Zusammenspiel zwischen Relief, Objektkunst und Malerei in Szene setzt.  

Sanft und warm leuchtende, lichtdurchtränkte Farben, vornehmlich Ocker- und Safrannuancen, intensiv glühende Rot- und Rostschattierungen, Saphir- und Jade und Smaragdtürkis, Kobalt- und Azurblau, schimmerndes Blattgold und Silber oder erdige Varianten, und insgesamt ein Reichtum fein dosierter Transparenzgrade prägen die Szene. Hier und da wird man erinnert an die vitalisierende Leuchtkraft mediterraner Malereitradition, dann aber flackert jene prächtige, morgenländische Farbenopulenz auf, deren Ursprung auf Milena Kunz-Bijno kontinuierliche Indienreisen und Auslandserfahrungen als Diplomatenehegattin zurückgeht. Auch die zarten Farbeklaviaturen japanischer Kunst werden in einer lyrischen Suite auf den Plan gerufen.

Aus Indien wiederum stammen collagenhaft verschweißte, ornamentierte Stofffetzen (Seide, Brokat, Damast) und andere authentische Trophäen, wie profan, naturhaft oder antik angehauchte Zitate und Devotionalien. Dieser formalästhetisch umgemünzte Sammlerschatz strukturiert und verlebendigt den  Bildkosmos und rückt damit die Technik der Collagengeflechte oder Materialbilder gleichsam in ein neues Licht.

Die ausgedienten, strapazierten, verschlissenen, ramponierten und eigentlich nichtsnutzigen Stoffreste, mutieren daraufhin gleichsam zur Gewandung von Leinwänden, die durchgängig eine Botschaft in sich bergen, sei sie existentiell, soziologisch, politisch („Einmarsch in Tibet“) ontologisch, geistig, visionär oder gar geistlich.

Entfernt verwandt sind die Textilcollagen mit der „Kesa“, eine buddhistische Wandermönchskutte, die traditionsgemäß aus per Hand zusammen genähten, (meist weiß oder golden eingefärbten) Stoffflicken besteht, darunter Wegwerfware aus Haushalt, Garderobe oder gar Krankenhaus- und Leichentücher. Das meditativ diktierte Waschen, Umfärben, das Weißen oder Vergolden, das Vernähen kontroverser Gebrauchsartikel begleiten den Ordenseintritt von Mönch oder Nonne. Weiß steht für Reinheit, Gold hingegen deutet auf sexuelle Enthaltsamkeit hin. Schlichtheit, Selbstbescheidung, Loslösung, Entsagung, Befreiung bilden wiederum die Voraussetzung für den Weg zur Erleuchtung.

Milena Kunz-Bijno ästhetisiert diesen Transformationsprozess, beispielsweise in ihrer Materialcollage „ 2 Wege der Erleuchtung“.

Neu verzahnte Stofffragmente, in Farbe getauchte Seidenpapiere projizieren auch die schattenhafte Architektur von Stadtszenen, imaginäre, poetisierte Naturflure („Triptichon des Nordens“, „erster Schnee), sie fundamentieren komplexe Gedankenbilder, die oft Meditationsteppichen gleichen. In poetischen Farbenzauber eingehüllte Wellpappen sowie gebrauchte Maltücher stocken das reichhaltige Collagen- Inventar auf. Die harmonisch verfugte Bildwelt symbolisiert für Milena Kunz-Bijno die Allianz kontroverser Lebensfacetten oder das Ideal von zwar kontrapunktischen, gleichwohl stimmig, organisch ausbalancierten Kräften.

Die Entwürfe der in Hochschulen von London und Bonn examinierten Künstlerin verkörpern damit  werkphilosophisch grundierte Spiegelbilder der Prinzipien: Synthese, Symbiose oder Fusion. Zu einer sich wechselseitig bedingenden Einheit verschränkt werden Polaritäten wie Licht und Schatten, Yin und Yang, Himmel, Kosmos, Universum und Erde, Feuer und Wasser, Klassik und Moderne, Okzident und Orient, Materie und Geist, Immaterialität, das Profane, Sakrale und Spirituelle, Fassade und Innenleben, Anfang und Ende, Lyrik und Dramatik, Ruhe und Bewegung, Vergangenheit und Gegenwart.

Im zur Kapelle führenden Flur befinden sich eher mystisch oder sakral grundierte Exponate, die sich mit der Lichtsymbolik, mit der Botschaft von Glaubenswegen, mit der irdischen Pilgereise auseinandersetzen. So etwa ein, in Ocker loderndes Kreuz, dessen vier Balkenpfeiler die vier Himmelsrichtungen vertreten, dessen Herzstück die Erde verkörpert. Staffel- oder stufenähnlicher Bildaufbau, eine von unten nach oben strebende, immer komplexer werdende Bildarchitektur, Strukturen-Bildung durch zerknitterte, Falten werfende Papierapplikationen, schemenhafte Umrisse, freskenhaften Farbaushöhlungen, abgeblätterte Farbpartikel, das Spiel mit Morbidität, Fragment und Vollständigkeit, die gezielte Abstimmung von hellen und dunklen Ebenen (Erde, Horizont, Himmel, Wasser), die Integration von kaum sichtbaren Handskizzen zählen ebenso zu den kompositorischen Eigenheiten der Künstlerin.

In der Eingangshalle verdichtet die Künstlerin ihr Credo an das auratische Wirken von Licht und Farbe. „Hymne an die Göttin“ titelt die in Turin geborene Kosmopolitin ihre in Rotrostversionen getauchte Collage. Um eine plastisch aufgeblähte Zelt- oder Tempelformation scharen sich Anspielungen auf die römische Antike, die ihren Widerhall findet in Vignetten und Binnenbildern. Eine Studie zum Fokus „Wege der Kunst“ thematisiert die Wechselfälle des venezianischen Opernhauses „Fenice“, skizziert nicht enden wollende Blütezeiten und Requien, projiziert das ewige „Stirb und Werde“ von Kunst schlechthin.

Text: Christina zu Mecklenburg, Bonn, November 2013



Rückblicke

Ausstellung im Kunstraum – Bad Honnef , Sonntag, 21. Oktober 2012


In diesem anheimelnd behaglichen Ambiente, das uns hier umgibt, erwärmen sich die Sinne für ein Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Rückblicke“. In Sicht gerät ein Szenario, das gleich einer Zeitreise, markante Werkstationen der kürzlich ihren siebzigjährigen Geburtstag feiernden Malerin Milena Kunz-Bijno skizziert. Diese von Susanne Krell und der Künstlerin persönlich konzipierte Spurensicherung beginnt einer Komposition von 1970. Das bei einer ersten Berührung mit indischen Geisteskulturen entstandene Gemälde „Hymne an die Göttin“ antizipiert bereits spätere, spirituelle und kontemplative Werkorientierungen. Insofern werfen vielerlei Meilensteine, (wie etwa „Metamorphose“ oder die Auslotung vier, maßgeblicher Religionen) dieser Rückblende Streiflichter auf gegenwärtige Tendenzen, auf den Blick nach vorne, auf transkulturelle Dialoge.

Wollte man einen Steckbrief über die gebürtige Turinerin und Diplomatenehefrau verfassen, so kämen folgende, hier nachvollziehbare Profilierungen in Betracht: da ist einmal eine spürbare Nähe zur Dramatisierung, zur Inszenierung, ferner eine fantasiebeflügelte Bildkraft, die von Traum, Poesie, Charme, Lokalkolorit getragen wird und schlußendlich der Schwerpunkt: Besonnenheit, Reflektion, Besinnlichkeit. Auf technischer Ebene sichtbar wird das Experimentieren mit dem Bereich Collage, Assemblage, mit dem Genre Bildobjekt, Objektbild, Relief und plastischen Spielarten der Gattung Stilleben.

In dieser bühnenbildähnlichen Installation begegnen sich Malerei/Collage und in Szene gesetzte Ton-Ensembles, malerische Motive und die plastisch vergegenwärtigten Anspielungen auf Musik, Literatur und Grafik, alias Briefzitate. Eine poetische Randerscheinung ist eine Miniaturinstallation, die das Wesen einer inspirierten Atelieratmosphäre einfängt.

Der rote Faden dieser Geburtstagsschau startet mit dem pittoresken Panoptikum von „Der Traum“. Das Leben, so die kosmopolitisch geeichte Künstlerin, verflüchtigt sich gleich einem Traum, wo Sekunden, Minuten, Stunden und Tage und Jahre im Nu verfliegen. Das Leben, aber auch ein Traum, gefüllt mit Erwartungen, Hoffnungen, Visionen und Geheimnissen. All diese Gedanken komprimiert eine schlaftrunkene Dorflandschaft, deren schattenhafte, von spiegelnden Fensteröffnungen durchfurchte Nuancen sich mählich gen Horizont auflichten. Der erste, flüchtige Kontakt mit Natur, Außenwelt führt zu den existentiellen Angelpunkten, zu den Elementen „Feuer“ und „Erde“. Der semiabstrakte Entwurf „Geburt“ verweist auf eine Urgeborgenheit im Licht, thematisiert den Durchbruch in eine noch undefinierte Dunkelheit. Weitere Meilensteine suggerieren Erfahrungen, zeigen im Fortgang meist metaphorische Auslotungen, wie etwa „Der Lotus“, ein archaisches Lichtsymbol oder „Venezia La Fenice“. In dieser Dramaturgie leuchtet die zeitlose Polarität von Abstieg und Aufstieg, Kommen und Gehen, von architektonischer Ruine und kunsthistorischem Kleinode auf. Das von unzähligen Bränden heimgesuchte Theater mutiert zum Sinnbild der Überlebenskraft. Im Exponat „Das siebte Siegel“ dominiert, angelehnt an die alttestamentarische Episode von Sodom und Gomorra eine Auseinandersetzung mit destruktiven Kräften, mit dem Weltenthema Krieg und Verheerungen.

Warme Erdtöne, Varianten von Rostrot, Kupfergold, Ocker, Safran, ein Rot, das gespeist wird von Scharlachrot, Zinnober, Purpur, Magenta und pompeijanischen Anklängen, ein Rot, das an die Gemäldewelt Tizians, Veroneses und Tintoretto erinnert, und genauso jadegrüntürkise, graugrüne Smaragdintonationen prägen das melodische Farbenrepertoire der Malerin. Nicht zu übersehen ist eine gewisse Affinität zu Renaissance, Barock der italienischen Hochblütekunst, auch zu deren Sakralmalerei.

Eine weitere Eigenheit kristallisiert in einer Collagentechnik heraus, die auf, in nasse Farben getränkte Transparent- und Seidenpapiere beruht. Von daher rührt eine lebendige, von leisen Bewegungen, von Falten und Unebenheiten durchfurchte Leinwandoberflächenstruktur. Weiterhin kennzeichnend sind blasse Skizzen, etwa von kaum sichtbaren Köpfen, wie etwa im „Der Lebensbaum“. Damit erreicht wird eine freskengleiche, brüchige, bisweilen morbide Anmutung. Ein anderes Charakteristikum bildet die nahtlose Einfügung von Intarsien, meist von Reise mitgebrachte Trophäen, Antiquitäten sowie die Applikation von ornamentierten Stofffetzen oder von uralten Textoriginalen. Diese Objekte, wie Kreuz oder Medaillon pointieren in expressiv ästhetischer Manier Sinngehalt und Bildaura.

Schlußendlich die skulpturalen Inszenierungen. Der Reigen beginnt mit einer Einfühlung in Fausts Studierstube, wo es doch darum geht zu erforschen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Mit frappierendem Fingerspitzengefühl modelliert, verwandelt Milena Kunz-Bijno das Material Ton, das gelegentlich wie Gips, Stahl oder Eisen aufscheint. Bücherarrangements und mit Notenliteratur, Schriftstücken angereicherte Ensembles, ein mit maltesischen Sandkörnern umkleideter Antik-Überseekoffer beschwören Erinnerungen und nicht zuletzt das alte Kunstthema Vergänglichkeit herauf. Es schwingt aber gleichzeitig das für die Kosmopolitin Milena Kunz Bijno wesentliche Motiv der Reise, der ewigen Wanderschaft und der Pilgerschaft mit. Das kontinuierliche Pendeln zwischen Bad Honnef, Indien und der italienischen Heimat, das frühere Dauerwechseln von Wohnorten findet seinen Kontrapunkt und Ruhepol aber auch in stabilen Kulturwerten, Wegbegleitern und Inspirationsquellen. Und dazu gehören alte Privatdokumente sowie die Welt der Musik, Literatur. „Geheime Botschaft“ heißt ein Monumentalgemälde, wo ein Baldachin, ein Velum und eine versiegelte Papierrolle zusammenwirken. Auch im „nie geschriebene Buch“ waltet die dichterische Freiheit des Geheimnisses.

„Laudato sii o mio Signore“, diese, an den Sonnengesang des Heiligen Franziskus von Assisi angelehnte Tonkomposition verrät gleichwohl einiges über die Künstlerin Milena Kunz-Bijno. Sie verdichtet, intoniert ein souveränes, mit Respekt grundiertes Credo an die Allmacht der Schöpfung, einen tiefen Verbundenheit mit Natur und Kosmos sowie eine nicht zu übersehende, pulsierende Lebensfreude.    

Text: Christina zu Mecklenburg, Bonn, Oktober 2012


Alchemie des Glücks

Ausstellung im Rathaus Bad Honnef  2009

Herzlich willkommen. Schön, dass Sie hierher gefunden haben, meine Damen und Herren. Und dies auch ohne spezielle Wegweiser. Vielleicht erinnern sich einige. Als Milena Kunz-Bijno vor nahezu 20 Jahren hier ihre erste Ausstellung hatte, da legte sie zur Vernissage über den gesamten Rathausplatz einladende Fährten mit weißen Schuhen. Manchem Ratsherrn und Verwaltungsbeamten zog diese Aktion allerdings förmlich die Schuhe aus. So richtig anfreunden konnten sie sich mit dieser etwas kuriosen Form der „Schleußertätigkeit“ in Sachen Kunst nämlich nicht. Sie fürchteten, Passanten könnten stolpern.

Über Kunstwerke von Frau Kunz-Bijno zu „stolpern“, im übertragenen Sinne versteht sich, kann den Betrachter in eine völlig neue Richtung lenken. Heute nimmt die Malerin Sie mit auf eine Reise, sie möchte mit Ihnen den Spuren von Marco Polo folgen. Und diese Exkursion startet natürlich in Italien. Von da aus brach einst auch Milena Kunz-Bijno auf. Sie wurde 1942 in Turin geboren. Der Vater hatte ein Geschäft, in dem Maler ein und aus gingen und sich mit Materialien versorgten. Da gab es Farben eimerweise. Die kleine Milena konnte wahrlich aus dem Vollen schöpfen und wuchs geradezu in diese Welt der Farben und Formen hinein.

Dass sie selbst auch eine Art moderner „Marco Polo“ wurde, hat Amor zu verantworten. Sie heiratete 1963 einen deutschen Diplomaten und trat an seiner Seite ein Wanderleben durch die ganze Welt an. Bonn, London, Bombay, Marseille, Bogotá, und wieder Indien. Das waren ihre Stationen, bevor sie 1989 ein altes Fachwerkhaus in Rhöndorf zu ihrem Wohn- und Künstlerdomizil mit der Galerie „L’Angelo“ umkrempelte. Ihre fundierte Ausbildung sammelte Frau Kunz-Bijno gewissermaßen am Wegesrand. Sie studierte Kunsterziehung, Pädagogik und Malerei in Bonn, London und Indien. Durch diese Wechsel blickt sie auf ein sehr interessantes Studium mit vielfältigen Einflüssen zurück. Sie schwärmt noch heute von ihren wunderbaren Lehrern, die ihr den Anstoß gaben zur Suche nach ihrer Art, sich mit Bildern auszudrücken.

Kunst fasst sie als „Begegnung“ auf. Milena Kunz-Bijno möchte den anderen erreichen. Also, steigen Sie ein in die Gondel von Venedig, dem Ausgangspunkt der Reise, wie Sie unschwer erkennen können an den lebendigen Skulpturen hier im Raum in ihren phantasievollen Kostümen und mit ihren geheimnisvollen Masken, hinter denen sich Mitglieder des Vereins Carnevale di Venezia aus Bonn verbergen. Lassen Sie sich verzaubern, meine Damen und Herren, wie in einem Sommernachtstraum und tanken Sie Glücksgefühle.

Aber was ist schon Glück. Es ist jedenfalls nicht leicht zu verstehen, ist Milena Kunz-Bijno überzeugt. Glücksmomente finden sicher auch Sie, liebe Besucher, in den Werken der Künstlerin. Lassen Sie sich Zeit bei der Entdeckungsreise. Da ist das Bild von dem Teatro La Fenice in Venedig. Mehrfach in seiner über 200 Jahre währenden Geschichte brannte dieses Opernhaus ab. Und immer wieder wurde es aufgebaut und erstrahlte in neuem Glanz. Wie Phönix aus der Asche. In jeder Krise steckt eben die Möglichkeit des Neugeborenwerdens, des Wandels, des Beginns eines neuen Zyklus’, in dem Hoffnungen geschöpft werden können. Das ist Glück. Und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft in unserer gegenwärtigen Zeit, in der das Wort Krise allbeherrschend ist.

Genießen Sie also die Stille der Lagune, tauchen Sie ab in die Traumbilder des Wassers. Fühlen Sie sich wie die Venus, die Aphrodite, die aus dem Meerschaum Geborene. Setzen Sie die Reise mit Marco Polo fort. Nach Konstantinopel etwa, symbolisiert durch das Triptychon, in dem dunkle Farbe und Gold sowie das Altärchen mit byzantinischer Kunst das Auf und Ab der Geschichte jenes Reiches darstellen.

Schauen Sie die weißen Segel, die Lust machen, die Welt zu befahren. Glücksmomente. Milena Kunst-Bijno sagt: „Die Kunst des Malens und des Sehens ist mein persönlicher Alchemieprozess, der mich durch das ganze Leben begleitet und gelehrt hat, das Wunder des Lebens und der Schöpfung in tiefer Dankbarkeit zu betrachten.“ Alchemie: die Kunst, unedle Metalle in Gold, in das edelste aller Metalle, zu verwandeln; aber auch als die Arbeit an uns selbst bezeichnet, auf der Suche nach dem Stein der Weisen.       

Nun viel Freude auf Ihrem Streifzug und bei der Suche nach den Glücksmomenten. Und greifen Sie bitte in den Sack mit der Aufschrift „Alchemie des Glücks“. Ziehen Sie ein Zettelchen mit einem der Denksprüche, die Frau Kunz-Bijno für Sie ausgesucht und handschriftlich notiert hat. Viel Glück. Und vielleicht setzen Sie die Reise ja fort, irgendwann, bei einem Besuch in der Galerie „L’Angelo“ dieser vielseitigen Künstlerin, wo garantiert noch weitere Glücksmomente aufzuspüren sind.

Roswita  Oschmann


Ausstellungen - Rückblicke